Einführung

Anton Strittmatter

Abstract


Sehr geehrte Damen und Herren!

Im Angesicht von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten spüre ich Ehrlichkeits- und Offenbarungszwang, und so bekenne ich denn: Über die im Frühjahr erfolgte Anfrage der Charta für Psychotherapie zur Mitwirkung des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) an dieser Tagung hatte ich mich zunächst dreifach gewundert:

>    Fast gleichzeitig erhielt ich eine Einladung zum Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie unter dem Titel „Kinder-und Jugendpsychiatrie und Schule“ für den 11. September in Solothurn. Und stellte fest, dass beide Veranstalter zunächst nichts von dieser Koinzidenz wussten.

>    Die thematische Koinzidenz selbst ist bemerkenswert; da scheint wirklich ein drängendes Thema heranzuwachsen.

>    Und schliesslich ist zu bekennen, dass die Schule selbst nie auf eine solche Tagungsidee gekommen wäre. Wir beschäftigen uns seit Jahrzehnten mit ganz anderen Themen, momentan mit HarmoS, Lehrplan 21, Integration von Kleinklässlern, Schule und Religionen, Fremdsprachengewurstel, Cybermobbing von Lehrern, ECTS-Buchhaltung
an den Pädagogischen Hochschulen und zwanzig anderen Themen.

Dabei hätte das mit der Psychotherapie und der Schule um 68 herum ja ganz gut angefangen: 1962 mit dem bemerkenswerten und viel zitierten Aufsatz von Peter Fürstenau „Zur Psychotherapie der Schule als Institution“ und dann 1978 mit dem Bestseller von Horst Brück „Die Angst des Lehrers vor seinem Schüler - Zur Problematik verbliebener Kindlichkeit in der Unterrichtsarbeit des Lehrers“. Und die Topadresse für pädagogische Beziehungsdefinitionen waren die Psychotherapeuten Annemarie und Reinhard Tausch. Fürstenau und Brück hatten eindrücklich sowohl auf den Psychoanalysebedarf im Lehrberuf wie auch auf tiefenpsychologische Abgründe typischer institutioneller Settings der Einrichtung Schule hingewiesen. Das im Verlaufe von 200 Jahren gut trainierte Immunsystem der Schule hat solche Provokationen dann aber sehr rasch unschädlich gemacht und sich narzisstisch ungefährlicheren Themen zugewandt.

Wenn sich der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer trotzdem zu einem Co-Patronat dieser Tagung und zu Werbung in der Verbandszeitschrift und an der Delegiertenversammlung entschlossen hat, dann in der Erwartung, dass hier ein fruchtbarer Doppeldecker abheben könnte:
>    Der eine Tragflügel ist das wachsende Bedürfnis der Schule, in ein produktives Verhältnis mit den mittlerweile gar vielen Fachstellen zu gelangen, welche sich um Schulkinder und Jugendliche „mit besonderen Bedürfnissen“ kümmern. Wenn diese Rollenklärung und die Findung von guten Formen der Zusammenarbeit nicht gelingen, laufen wir in ein allseitig überforderndes Integrationsdebakel hinein.

>    Der zweite Tragflügel könnte in einer erneuerten und produktiven Zuwendung der Psychoanalyse und Psychotherapie zum Phänomen Schule und Lehrer/Lehrerin liegen, auch schul-seitig in der Wiederaufnahme der Spur, welche Fürstenau, Brück und andere mal gelegt hatten.

Ich danke im Namen des LCH den Veranstaltern für diesen Start und wünsche uns allen gutes Abheben. Die nun bereitstehenden drei Navigationshelfer werden uns hoffentlich die guten Routen weisen und uns mit den zu meisternden Wetterlagen vertraut machen.

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