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Rezension

Rosmarie Barwinski

Naema Gabriel: Sinus

2013 Basel, Verlag AAP

Die Autorin und Illustratorin Naema Gabriel beschreibt sehr berührend und auf eindrückliche Weise den Loslösungsprozess einer Jugendlichen, die mit ihrer älteren Schwester bei einer manisch-depressiven Mutter aufwächst.

„Sinus“ bewegt nicht nur durch die Sprache – Naema Gabriel erzählt aus der Perspektive einer Jugendlichen –, sondern auch durch die 25 Bleistift-Illustrationen, die den geschilderten anekdotischen Episoden in ihrer emotionalen Aussage eine besondere Verstärkung verleihen. Zum Teil noch deutlicher als der Text machen sie das innere Chaos, die Verwirrung und die Verzweiflung der Jugendlichen im wörtlichen Sinne verstanden sichtbar.

Das Auf und Ab der Krankheit der Mutter, symbolisiert in der Sinuskurve, spiegelt sich in den geschilderten Gefühlsschwankungen der Protagonistin – immer begleitet von der Angst, selbst manisch-depressiv zu sein. Die Autorin wählt als Metapher für den Weg zur Selbständigkeit Autofahren zu lernen. Dieses Bild bietet sich an, da die Mutter ihre beiden Töchter in der Kindheit immer wieder auf Autofahrten mitnahm, die bisweilen zu lebensgefährlichen Situationen führten. Selbst zu steuern wird zur Möglichkeit der Kontrolle, die jedoch die Protagonistin überfordert. Sie hat einen Unfall – ihr Auto wird mit Totalschaden auf eine Schutthalde abgeschleppt.

Die Möglichkeit, in einer anderen Stadt Kunst zu studieren, löst bei der Protagonistin einen nicht auf biologische Ursachen zurückzuführenden Schwindel aus. Sie verliert den Boden unter den Füssen. Dennoch schafft sie den Umzug und unterbricht den Kontakt mit ihrer Mutter für ein Jahr. Auch die Suiziddrohungen der Mutter erreichen nicht, dass sie die ein Stück weit gewonnene Autonomie wieder aufgibt.

Ein weiterer Lösungsversuch in Form der ersten grossen Liebe und der Trennung mündet für die Protagonistin in einer Katastrophe. Ihr Freund nimmt sich das Leben. Kindliche Ängste und Schuldgefühle scheinen durch die Realität bestätigt zu sein. Sie verliert ihren mühsam erarbeiteten Halt, wird suizidal und erreicht den aus der Sicht ihrer Familie gefürchteten Tiefpunkt: Sie lässt sich in die Psychiatrie einweisen – in Abgrenzung zur Haltung ihrer Tanten, die von den Forderungen der Anti-Psychiatrie-Bewegung überzeugt sind.

Diese scheinbare Kapitulation muss als Zeichen einer wirklichen Autonomie gedeutet werden. Die Protagonistin ist in ihrer Identität soweit gefestigt, dass sie sich nicht nur von der Meinung ihrer Tanten, sondern auch von ihrer psychisch kranken Mutter abgrenzen und ein neues Leben aufbauen kann.

Die letztgeschilderte Episode wirkt für den Leser etwas überrumpelnd – fast zu schnell, aber passend zur geschilderten Achterbahnfahrt von Höhen und Tiefen der Gefühle der Protagonistin. Sie spricht mit ihrem Mann am Telefon, der das gemeinsame Kind im Arm hält.

Das Buch wendet sich an Erwachsene und Jugendliche und scheint mir für Psychotherapeuten sehr geeignet, weil es auf sehr subtile, emotionale Weise die Schwierigkeiten von Kindern beschreibt, illustriert und visualisiert, die mit psychisch kranken Eltern aufwachsen.

Autorin

PD Dr. phil. Rosmarie Barwinski ist Psychotherapeutin ASP und Redaktorin dieser Zeitschrift.

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