Wie man Poppers philosophischen Knüppel in einen Blumenstrauss für die Psychoanalyse verwandelt

Ein psychotherapiewissenschaftstheoretischer Essay

Kurt Greiner

Psychotherapie-Wissenschaft 7 (2) 77–83 2017

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CC BY-NC-ND

Zusammenfassung: In persönlichen Gesprächen mit Psychoanalytiker/innen unterschiedlichster Provenienz wird unter anderem immer wieder deutlich, dass nach wie vor grosse Ungewissheit über die Wissenschaftsart psychoanalytischer Aktivitäten herrscht. Diese methodologische Unklarheit hängt nicht zuletzt mit dem Wiener Philosophen Karl R. Popper (1902–1994) zusammen, der vor knapp 100 Jahren die damals noch blutjungen psychotherapeutischen Wissenschaftskulturen Psychoanalyse (nach S. Freud) und Individualpsychologie (nach A. Adler) mit nachhaltiger Wirkung in der öffentlichen Wahrnehmung vernichtend kritisierte, indem er deren «scheinwissenschaftlichen» Charakter zu entlarven beanspruchte. Im Rahmen dieses Essays soll dargelegt werden, unter welchen Bedingungen und in welcher Weise die von Popper zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten wissenschaftstheoretischen Argumente gegen die Wissenschaftlichkeit der ersten beiden psychoanalytischen Disziplinen heute, im frühen 21. Jahrhundert, gerade Argumente für deren Wissenschaftlichkeit darbieten.

Schlüsselwörter: Karl R. Popper, Psychoanalyse, Individualpsychologie, Wissenschaftstheorie, Scheinwissenschaft, Naturwissenschaft, Textwissenschaft, Logopoietische Hermeneutik, Psychonarrative Netze, Problematische Kliententexte, Psychoterminologische Horizonte und Sinnofferten

1. Einleitung

Der Wiener Philosoph Karl R. Popper (1902–1994) spielt im psychotherapiewissenschaftstheoretischen Diskurs eine historisch markante Rolle. In der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts begann er die damals noch blutjungen psychotherapeutischen Wissenschaftskulturen «Psychoanalyse» und «Individualpsychologie» mit nachhaltiger Wirkung in der öffentlichen Wahrnehmung vernichtend zu kritisieren. Im Teilband I seines Werkes mit dem Titel «Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis» (1994) präzisiert Popper sein philosophisches «Problem», das ihn im Jahre 1919 intellektuell beschäftigte und das mit der Möglichkeit zusammenhing, «zwischen Wissenschaft und Scheinwissenschaft zu unterscheiden» (Popper, 1994, S. 46), wie folgt:

«Wie kann man eine echte empirische Methode von einer nichtempirischen oder sogar von einer scheinbar empirischen Methode unterscheiden – das heisst, von einer Methode, die sich zwar auf Beobachtung und Experiment beruft, aber dennoch nicht den Ansprüchen genügt, die an die naturwissenschaftliche Methode zu stellen sind?» (ebd., S. 47)

2. Poppers Attacke gegen Psychoanalyse und Individualpsychologie

Neben der Geschichtstheorie von Karl Marx waren es insbesondere die «abenteuerlichen» Theorien der Psychoanalyse nach Sigmund Freud sowie der Individualpsychologie nach Alfred Adler, die Karl Popper in den späten 1910er Jahren interessierten und auf die er sein spezifisches Erkenntnisinteresse nicht zuletzt deswegen anzuwenden versuchte, weil er deren «Anspruch auf Wissenschaftlichkeit anzuzweifeln [begann]» (Popper, 1994, S. 48). Poppers Ambition lag dabei das eigenartige «Gefühl» zugrunde,

«dass diese […] Theorien, obwohl sie vorgaben, wissenschaftlich zu sein, in Wirklichkeit mehr mit primitiven Mythen gemeinsam hatten als mit der Naturwissenschaft, dass sie der Astrologie näher standen als der Astronomie. […] Denn diese Theorien schienen fähig zu sein, alles zu erklären, was in ihren Anwendungsbereich fiel» (ebd., S. 48).

Diese grandiose «Erklärungskraft», die er hier anspricht und die so verdächtig auf ihn wirkte, demonstriert Popper exemplarisch anhand der nun folgenden Begebenheit, welche sich während der Zeit seiner Mitarbeit in einer von Alfred Adlers pädagogischen Beratungsstellen in Wien zutrug: «Ich berichtete ihm [Alfred Adler] damals, im Jahre 1919, über einen Fall in der Beratungsstelle, der mir nicht sehr ‹adlerianisch› vorkam. Er aber hatte nicht die geringste Schwierigkeit, ihn im Sinne seiner Theorie als einen Fall von Minderwertigkeitsgefühlen zu diagnostizieren, obwohl er das Kind nicht einmal gesehen hatte» (ebd., S. 49).

Da Adlers diesbezügliche Reaktion nach Poppers Ansicht wohl kaum etwas mit der Schaffung von Erfahrungswissen im empirischen Sinne zu tun hätte, stellt dieser die Frage:

«Aber was […] wurde damit bestätigt? Nicht mehr als die Tatsache, dass ein Fall im Sinne der Theorie gedeutet werden konnte. Das aber bedeutet sehr wenig, so dachte ich, denn jeder nur denkbare Fall konnte ja im Sinne von Adlers Theorie gedeutet werden; aber auch ebenso gut im Sinne von Freuds Theorie» (ebd., S. 49).

Das von ihm (ebd., S. 50f.) konstatierte Faktum, dass Freuds und Adlers Theorien «mit allen nur möglichen Formen menschlichen Verhaltens vereinbar [waren]», verursachte Popper philosophisches Unbehagen. Um zu verdeutlichen, wo die Crux dabei genau liegt, offeriert er folgende beispielhafte Veranschaulichung:

«Stellen Sie sich einen Mann vor, der ein Kind ins Wasser stösst in der Absicht, es zu ertränken, und einen anderen, der sein Leben opfert, um das Kind zu retten. Beide Fälle kann man gleich gut im Sinne der Psychoanalyse und der Individualpsychologie erklären. Nach der Freudschen Lehre leidet der erste Mann an einer Verdrängung (etwa der einer Komponente seines Ödipuskomplexes), während der zweite zu einer Sublimierung gelangt ist. Nach Adlers Theorie leidet der erste Mann an Minderwertigkeitsgefühlen (die ihn vielleicht dazu zwingen, sich zu beweisen, dass er es wagt, ein Verbrechen zu begehen), und der zweite leidet in derselben Weise (aber er muss sich beweisen, dass er es wagt, das Kind zu retten). Ich konnte mir kein menschliches Verhalten ausdenken, das man nicht durch beide Theorien interpretieren konnte. Es war gerade diese Tatsache – dass die Theorien immer passten, dass sie immer bestätigt wurden –, die in den Augen ihrer Bewunderer so sehr für sie sprach und die sie für ihre grösste Stärke hielten. Mir dämmerte, dass diese scheinbare Stärke in Wirklichkeit die Schwäche dieser Theorien war» (ebd., S. 49f.).

Schliesslich kehrt Popper (ebd., S. 48) zurück zu seinem bereits geäusserten Mythen-Verdacht, indem er ausführlicher Freuds psychoanalytisches Instanzenmodell ins kritische Visier nimmt. Er schreibt:

«Freuds Epos vom Ich, Über-Ich und Es kann kaum mehr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben als Homers Sammlung von olympischen Skandalgeschichten. Als Theorien erklären sie einige Tatsachen, aber nach Art und Weise von Mythen. Sie enthalten hochinteressante Gedanken über psychologische Probleme, aber leider nicht in prüfbarer Form» (ebd., S. 53f.)

3. Die psychoanalytischen Disziplinen als Logopoietische Textwissenschaften

Karl Poppers frühe Vernichtungsargumente im Zusammenhang mit der Frage nach der Wissenschaftlichkeit der ersten beiden psychotherapeutischen Theorien wurden im Verlauf des 20. Jahrhunderts in unterschiedlichen Wissenschaftskontexten unter verschiedenen Gesichtspunkten und Aspekten diskutiert (vgl. hierzu u. a. Skirbekk & Gilje, 1993; Slunecko, 1996). Der nachweislich gewaltige Einfluss seiner radikalen Freud-Adler-Attacken auf den philosophischen Umgang mit der Frage, ob es sich bei Psychoanalyse und Individualpsychologie um wissenschaftliche Theorien bzw. wissenschaftlich fundierte Praxen handelt oder nicht, beschränkt sich jedoch keineswegs auf das vorige Jahrhundert, sondern ist auch heute noch, im frühen 21. Jahrhundert, präsent und relevant. Die ungebrochene (Nach-)Wirkung seiner Kritik zeigt sich wohl am deutlichsten in der weit verbreiteten Ungewissheit bzw. Unklarheit, was die Wissenschaftsart und den Wissenschaftscharakter psychoanalytischer Aktivitäten anbelangt.

Im Rahmen dieses Essays geht es jetzt nicht darum, an Poppers alte Destruktions-Diskussion etwa mit der Ausformulierung eines weiteren Pro-oder-Contra-Beitrags anzuknüpfen. Vielmehr soll dargelegt werden, inwiefern die soeben präsentierten Gegenargumente Poppers heute gerade für die Wissenschaftlichkeit von Psychoanalyse und Individualpsychologie sprechen.

Zunächst einmal müssen zwei wesentliche Bedingungen erfüllt sein, damit Poppers Contra-Argumentation pro-psychoanalytisch gelesen werden kann. Als erste Grundvoraussetzung gilt dabei die Bereitschaft einzusehen, dass es sich bei der Psychoanalyse, der Individualpsychologie sowie auch bei allen weiteren psychoanalytischen Schulen bzw. Disziplinen – übrigens ganz im Sinne Poppers – selbstverständlich nicht um naturwissenschaftliche Forschungs- und Praxisprogramme handeln kann. Die zweite Grundvoraussetzung knüpft unmittelbar an die erste an und zielt auf die Bereitschaft, sich stattdessen auf jenen wissenschaftstheoretischen Alternativvorschlag einzulassen, welcher psychoanalytische Disziplinen als genuin wissenschaftliche Praxen des sinngenerierenden/sinnverstehenden Textforschens in psychotherapeutischer Intention betrachtet. Werden Psychoanalyse, Individualpsychologie sowie alle weiteren Schulen des Psychoanalysierens auf diese spezielle Weise hermeneutisch konzeptualisiert, dann lassen sich Poppers philosophische Argumente, die er gegen die beiden psychoanalytischen Disziplinen ins Feld führt, um deren Un- bzw. Scheinwissenschaftlichkeit im naturwissenschaftlichen Sinne zu beweisen, tatsächlich als Argumente lesen, die gerade deren Wissenschaftscharakter im textwissenschaftlichen Sinne belegen. Was aber heisst das jetzt genau, wenn man die Schulen des Psychoanalysierens als Textwissenschaften hermeneutisch konzeptualisiert?

Überzeugende Versuche, psychoanalytische Aktivitätsformen als hermeneutische Wissenschaften zu interpretieren, hat es im 20. Jahrhundert bereits mehrere gegeben – das ist gewiss nicht neu. So zm Beispiel schlägt Jürgen Habermas (1968) vor, die Psychoanalyse Freuds als eine «Tiefenhermeneutik» zu begreifen, die zum «Akt des Verstehens» führe, welcher «Selbstreflexion» sei. Aber nicht nur Habermas zufolge hätte die Psychoanalyse ihr naturwissenschaftstheoretisches «Selbstmissverständnis» zu überwinden, sondern auch für Alfred Lorenzer (1974) repräsentiere sie vielmehr eine «Kunst der Interpretation» insofern, als es dem Analytiker um «Sinn» gehe, den es angesichts schwerverständlicher Patient/innenäusserungen zu ermitteln gilt. Nicht weniger interessant ist die Perspektive von Paul Ricœur (1969), der, obschon er sie in methodologischer Hinsicht zwischen den beiden Begriffspolen «Hermeneutik» und «Energetik» aufgespannt sieht, die Psychoanalyse nicht zuletzt aufgrund ihrer kulturphilosophischen Funktion als eine Hermeneutik bezeichnet. Für Jean-Paul Sartre (1991), um ein letztes Beispiel zu nennen, sei die Psychoanalyse deshalb eine hermeneutische Disziplin, weil ihre zentrale Aufgabe in der «Entzifferung», der «Festlegung» sowie des «In-Begriffe-Fassens» menschlicher Verhaltensweisen bestehe, in welchen der Mensch stets in seiner «Ganzheit» zum Ausdruck komme. Zu diesen wohlbekannten Bestimmungsversuchen gesellt sich jetzt ein Vorschlag, der insofern innovativ ist, als er die besondere hermeneutische Struktur, welche den diversen psychoanalytischen Programmen des Psychotherapierens zugrunde liegt und diese charakterisiert, mithilfe der Spinnen-Metapher («Netz, verweben») definitorisch dergestalt fasst, dass psychoanalytische Hermeneutik dabei als polykonzeptuelle Praxis des heilungsfördernden Textverwebens begreifbar wird (vgl. Greiner, 2016).

Diese spezielle textwissenschaftliche Perspektive ist vor allem der Konzeption Hans-Georg Gadamers (1960) affin, da sie auf dem elementaren Funktionsprinzip der Hermeneutik als Kontextualisierungspraxis basiert, wonach es Etwas mit Etwas in Zusammenhang zu bringen gilt, um Etwas als Etwas verstehbar zu machen. In diesem Denkhorizont entpuppen sich psychoanalytische Unternehmungen mithin als vielgestaltige Interpretationspraxen, die sich darum bemühen, problematische Klient/innentexte in psychonarrative Netze logopoietisch hineinzuverweben. In verdichteter Form auf den Punkt gebracht bedeutet das Folgendes: Leidvolle Erfahrungsmomente der Fragwürdigkeit, Schwerverständlichkeit oder Unverständlichkeit im persönlichen Erlebenszusammenhang (problematische Klient/innentexte) können verstehbar und damit handhabbar gemacht werden über deren Sinn schaffende und gestaltende Einbindung (logo-poietisches Textverweben) in je schulenspezifische Erzählmodi (psychonarrative Netze) innerhalb des interaktiven Beziehungsrahmens zwischen Klient/in und Therapeut/in, was von heilungsfördernden Effekten begleitet wird (vgl. Greiner, 2016; siehe Abbildung 1).

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Abbildung 1: Die logopoietische Struktur des psychoanalytischen Wissen-Schaffens (Greiner, 2016)

4. Karl Poppers Contra-Argumentation pro-psychoanalytisch gelesen

Nun soll die Aufmerksamkeit speziell auf jene Stellen in Poppers Text gerichtet werden, die seinen gegen die psychoanalytischen Herangehensweisen gehegten Un- bzw. Scheinwissenschaftlichkeitsverdacht begründen. Die Heraushebung der für die psychotherapiewissenschaftstheoretische Erörterung fokussierten Textpassagen gestaltet sich dabei in Form von zwei separierten Textbündeln. Ich bezeichne sie als «Attackenextrakt a» und «Attackenextrakt b». Während auf das Attackenextrakt a, welches jene Kritik Poppers fokussiert, die sich auf das psychoanalytische Theorien-Spezifikum bezieht, unmittelbar die pro-psychoanalytische Lesart des Popper’schen Theorien-Angriffs folgt, schliesst an das Attackenextrakt b, welches Poppers Argumente gegen die psychoanalytische Methodenart resümiert, die pro-psychoanalytische Lesart des Popper’schen Methoden-Angriffs an.

4.1 Attackenextrakt a: Poppers theorienbezogene Contra-Argumentation

  • «Denn diese Theorien schienen fähig zu sein, alles zu erklären, was in ihren Anwendungsbereich fiel» (Popper, 1994, S. 48).

  • «Es war gerade diese Tatsache – dass die Theorien immer passten, dass sie immer bestätigt wurden –, die in den Augen ihrer Bewunderer so sehr für sie sprach und die sie für ihre grösste Stärke hielten. Mir dämmerte, dass diese scheinbare Stärke in Wirklichkeit die Schwäche dieser Theorien war» (ebd., S. 49f.).

  • «[Die] Theorien von […] Freud und Adler […] waren mit allen nur möglichen Formen menschlichen Verhaltens vereinbar» (ebd., S. 50f.).

  • «Freuds Epos vom Ich, Über-Ich und Es kann kaum mehr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben als Homers Sammlung von olympischen Skandalgeschichten. Als Theorien erklären sie einige Tatsachen, aber nach Art und Weise von Mythen. Sie enthalten hochinteressante Gedanken über psychologische Probleme, aber leider nicht in prüfbarer Form» (ebd., S. 53f.).

4.2 Zum Attackenextrakt a: Poppers Theorien-Contra pro-psychoanalytisch gelesen

Die allumfassende Erklärungspotenz der beiden infrage gestellten psychoanalytischen Theorien (Psychoanalyse, Individualpsychologie), das Faktum ihres uneingeschränkten Passens und Vereinbarseins, welches nach Popper auf den ersten Blick für die «scheinbare Stärke» gehalten werden könnte, entlarvt dieser im Rahmen seiner wissenschaftstheoretischen Kritik schliesslich als die eigentliche «Schwäche dieser Theorien».

Sonderbarerweise wird diese Theorien-Schwäche, die Popper zu Beginn des 20. Jahrhundert naturwissenschaftstheoretisch diagnostiziert, im frühen 21. Jahrhundert erneut als eine Theorien-Stärke lesbar – allerdings nur in einem textwissenschaftstheoretischen Sinne. Unter logopoietischem Vorzeichen erweist sich nämlich gerade das Faktum des Passens und Vereinbarseins als das Adäquatheitskriterium der hermeneutischen Wissensgewinnung.

Um zu verdeutlichen, wie diese Behauptung konkret gemeint ist, gilt es im Folgenden jene methodologische Fundamentaldifferenz zwischen der Psychologie und den Schulen der Psychoanalyse etwas näher zu beleuchten, die sich auf die Theorie-Methode-Relation bezieht. Bekanntlich werden psychologische Theorien erst mithilfe von Werkzeugen des Messens und Zählens (Statistik), das heisst über die Anwendung rigoroser empirischer Prüfverfahren, zu genuin wissenschaftlichen Theorien. Im Kontext des akademischen Fachgebietes Psychologie haben Methoden mithin wissenschaftskonstitutive Funktion für Theorien. In den Schulen des Psychoanalysierens verhält es sich genau andersherum. Hier erweisen sich Theorien als wissenschaftskonstitutiv für Methoden, was folgendermassen zu verstehen ist: Insbesondere in logopoietischer Perspektive sind psychoanalytische Theorien notwendige Bedingung für das adäquate Funktionieren von psychoanalytischen Deutungsaktivitäten, die zur Gewinnung hermeneutischen Interpretationswissens in psychotherapeutischer Intention gesetzt werden. Im Unterschied zur Psychologie geht es in den psychoanalytischen Disziplinen insofern nicht darum, theoretische Ideen (Hypothesen) über die systematische Anwendung von Methoden zu wissenschaftlichen Theorien zu machen, als psychoanalytische Theorien gar keine Theorien in einem streng wissenschaftlichen Sinn sein müssen. Die vielen verschiedenartigen theoretischen Ideen, Konzepte und Modelle der psychoanalytischen Schulen haben eine ganz andere Funktion.

Nicht zuletzt deshalb meidet man in der textwissenschaftstheoretischen Lesart von Psychoanalyse, Individualpsychologie usw. auch den Terminus «Theorie» und spricht lieber von «psychonarrativen Netzen», worunter die mannigfach existierenden differenzierten Weisen des Redens und Sprechens über das Psychische, das heisst die vielfältigen professionellen Erzählungen über das menschliche Seelenleben zu verstehen sind. Mit und in diesen spezifischen Fachsprachen oder «Sprachspielen» (frei nach Wittgenstein, 1971), die als mehr oder weniger komplex konzipierte Erzählgewebe vorliegen, werden Psyche, Psychisches, Seelenleben, Psychodynamik etc. überhaupt erst als textwissenschaftlich relevante Entitäten generiert, konstruiert und strukturiert. Zu den bekanntesten psychonarrativen Netzen zählen die genialen psychoanalytischen Lehren von Sigmund Freud (Psychoanalyse), Alfred Adler (Individualpsychologie) und Carl Gustav Jung (Analytische Psychologie). Neben diesen prominenten Beispielen gibt es heute freilich eine Vielzahl von weiteren, mehr oder weniger elaborierten psychonarrativen Netzen. Aus textwissenschaftstheoretischen Gründen ist es im Zusammenhang mit psychonarrativen Netzen uninteressant, ob eine empirische Überprüfung ihrer Inhalte auf Übereinstimmung mit Sachverhalten funktioniert, das heisst ob eine wissenschaftliche Verifikation oder Falsifikation von aufgestellten Behauptungen und Satzzusammenhängen gelingt. Für die logopoietische Hermeneutik reicht es vollkommen, wenn psychonarrative Netze als kohärente und konsistente Fachsprachen entwickelt sind und damit als psychoterminologische Horizonte für sinnschaffendes Textverweben im therapeutischen Kontext zur Verfügung stehen. Schliesslich zielen psychoanalytische Aktivitäten auf die interpretatorische Generierung von Sinn, um therapeutisch relevante Verstehbarkeit zu ermöglichen (vgl. Greiner, 2016).

Vor dem Hintergrund der soeben explizierten textwissenschaftstheoretischen Auffassung vom rein technisch-funktionalen Wert, welchen psychoanalytische Theorien für logopoietisch-hermeneutisches Forschen haben, präsentiert sich auch Poppers Mythenverdikt in einem ganz anderen Licht. Karl Poppers Vergleich des psychoanalytischen Instanzenmodells mit Homers Skandalgeschichten muss nämlich nicht notwendigerweise zu der Schlussfolgerung führen, dass «Freuds Epos vom Ich, Über-Ich und Es» (Popper) wissenschaftlich bedeutungslos ist. Hier lassen sich sehr wohl auch ganz andere Konsequenzen ziehen. In logopoietischer Perspektive mutieren Sigmund Freud, Alfred Adler, C. G. Jung sowie alle weiteren Gründer/innen psychoanalytischer Schulen zu psychowissenschaftlichen Poet/innen in dem Sinne, als sie Urheber/innen seelenfachsprachlicher Grosstexte repräsentieren, deren grandiose Schöpfungen die textwissenschaftlichen Grundlagen (psychonarrative Netze) für die heilungsfördernden Vernetzungspraxen bilden. Für die Bemessung des wissenschaftlichen Werts ebensolcher logopoietisch-hermeneutischen Aktivitäten des sinngenerierenden Verknüpfens und Verknotens von problematischen Klient/innentexten mit psychonarrativen Netzen (psychoanalytische Theorien) kann allein das Kriterium der logischen Schlüssigkeit, das heisst der textstrukturellen Kohärenz oder Konsistenz, mithin des Passens bzw. Vereinbarseins herangezogen werden. Aus textwissenschaftstheoretischer Sicht sprechen also Poppers theorienbezogene Contra-Argumente allesamt für die genuine Wissenschaftlichkeit der psychoanalytischen Disziplinen.

4.3 Attackenextrakt b: Poppers methodenbezogene Contra-Argumentation

  • «Und was Adler anbelangt, so hatte ich selbst ein Erlebnis, das auf mich grossen Eindruck machte. Ich berichtete ihm damals, im Jahre 1919, über einen Fall in der Beratungsstelle, der mir nicht sehr ‹adlerianisch› vorkam. Er aber hatte nicht die geringste Schwierigkeit, ihn im Sinne seiner Theorie als einen Fall von Minderwertigkeitsgefühlen zu diagnostizieren, obwohl er das Kind nicht einmal gesehen hatte» (Popper, 1994, S. 49).

  • «Aber was, so fragte ich mich, wurde damit bestätigt? Nicht mehr als die Tatsache, dass ein Fall im Sinne der Theorie gedeutet werden konnte. Das aber bedeutet sehr wenig, so dachte ich, denn jeder nur denkbare Fall konnte ja im Sinne von Adlers Theorie gedeutet werden; aber auch ebenso gut im Sinne von Freuds Theorie. Ich möchte dies an zwei sehr unterschiedlichen Beispielen menschlichen Verhaltens illustrieren. Stellen Sie sich einen Mann vor, der ein Kind ins Wasser stösst in der Absicht, es zu ertränken, und einen anderen, der sein Leben opfert, um das Kind zu retten. Beide Fälle kann man gleich gut im Sinne der Psychoanalyse und der Individualpsychologie erklären. Nach der Freudschen Lehre leidet der erste Mann an einer Verdrängung (etwa der einer Komponente seines Ödipuskomplexes), während der zweite zu einer Sublimierung gelangt ist. Nach Adlers Theorie leidet der erste Mann an Minderwertigkeitsgefühlen (die ihn vielleicht dazu zwingen, sich zu beweisen, dass er es wagt, ein Verbrechen zu begehen), und der zweite leidet in derselben Weise (aber er muss sich beweisen, dass er es wagt, das Kind zu retten). Ich konnte mir kein menschliches Verhalten ausdenken, das man nicht durch beide Theorien interpretieren konnte» (ebd., S. 49f.).

4.4 Zum Attackenextrakt b: Poppers Methoden-Contra pro-psychoanalytisch gelesen

In methodenbezogener Hinsicht begründet Popper seinen Un- bzw. Scheinwissenschaftlichkeitsverdacht also mit dem Argument, dass sich «jeder nur denkbare Fall» sowohl im Sinne der Psychoanalyse nach Sigmund Freud als auch im Sinne der Individualpsychologie nach Alfred Adler deuten lässt. Für ihn sei «kein menschliches Verhalten» vorstellbar, auf das man nicht beide Interpretationsansätze gleichermassen erfolgreich anwenden könnte.

Unter der klassischen naturwissenschaftstheoretischen Prämisse, dass nur eine – naturgesetzlich bedingte – Wahrheit existiert, der man sich wissenschaftlich bestenfalls «asymptotisch» zu «approximieren» vermag (vgl. Popper, 1979), erweist sich allein der Gedanke, dass es mehr als eine wissenschaftliche Herangehensweise geben könne, mit deren Hilfe man auf unterschiedliche Weisen zu irreduziblen, inkommensurablen und dennoch gültigen Ergebnissen gelangte, freilich als absurd.

Hingegen spiegelt sich für den Textwissenschaftstheoretiker in genau diesem Sachverhalt vielmehr der Wesenskern des Hermeneutischen – nämlich das Charakteristikum der prinzipiellen Unabschliessbarkeit des zirkulär strukturierten Interpretationsgeschehens, weshalb auch gerade im Umstand des vielfältigen methodischen Zugehens auf das Forschungsobjekt ein zentrales wissenschaftskulturelles Qualitätsmerkmal der Hermeneutik erkannt wird, welches wiederum den Grundunterschied zwischen sinnverstehend-textwissenschaftlichem und kausalanalytisch-naturwissenschaftlichem Denken bestimmt (vgl. hierzu Dilthey, 1970; Heidegger, 1993; Gadamer, 1960; Habermas, 1968).

Am allerdeutlichsten zeigt sich dieses polykonzeptuelle, methodenpluralistische sowie theorienheterogene Heran- und Zugehen anhand der vielen verschiedenen Schulen des Psychoanalysierens. Terminologisch lässt sich die Spezifik des psychoanalytischen Sinnverstehens dabei als polykonzeptuelle Praxis des logopoietischen Hineinverwebens präzisieren. Diese Begriffsverkettung, die zunächst ganz allgemein die interpretatorische Kunst des Einbindens und Einfügens, des Eingliederns und Einordnens, des In-Zusammenhang-Bringens von problematischen Klient/innentexten benennt, verweist insbesondere auf jenen schöpferisch-poetischen Aspekt des hermeneutischen Forschens (Logopoiesis), bei dem es um Erfindung, Generierung und Produktion (Poiesis) von Sinn- und Bedeutungszusammenhängen (Logos) geht.

Aus textwissenschaftstheoretischen Gründen interessiert man sich im Rahmen einer so verstandenen ausdeutenden Praxis des sinnschaffenden Textverwebens (Logopoietische Hermeneutik) allerdings nicht dafür, ob das systematische Einbinden und Einordnen von problematischen Klient/innentexten auch mit einer ausserhalb dieser logopoietischen Unternehmung liegenden objektiven Wirklichkeit psychischer Sachverhalte faktisch korrespondiert. Streng methodisch gesehen ist dabei nur entscheidend, ob überhaupt und in welcher Weise die komplexen Prozesse des sprachlichen Verflechtens und Vernetzens (polykonzeptuelle Praxis des logopoietischen Hineinverwebens) von leidvollen Erfahrungsmomenten der Fragwürdigkeit, Schwerverständlichkeit oder Unverständlichkeit, die dem persönlichen Erlebenszusammenhang des/der Therapiesuchenden entstammen (problematische Klient/innentexte), in die differenzierten Weisen des Redens und Sprechens über das Psychische, in die Sinngewebe der professionellen Erzählungen über das menschliche Seelenleben, in die spezifischen Begriffsgeflechte der psychoanalytischen Fachsprachen nach Freud, Adler, Jung etc. (psychonarrative Netze) schlüssig und stimmig gelingen (vgl. Greiner, 2016).

Man könnte auch sagen, dass sich psychoanalytische Therapeut/innen im Prozess des logopoietischen Hineinverwebens darum bemühen, die Texte zweier Autor/innen (sämtliche textbasierte Objektivationen des/der Therapiesuchenden und die seelenfachsprachlichen Grosstexte der psychowissenschaftlichen Poet/innen) auf methodisch-kreative Weisen zu verknüpfen, um dadurch hilfreiche Sinngestaltungsangebote bzw. psychoterminologische Sinnofferten zu gewinnen. Sobald sich irritierende Konfusionstexte über ingeniöses Hineinverweben in psychonarrative Netze in nachvollziehbare, das heisst versteh- und damit handhabbare Sinntexte transformieren, welche als seelenfachsprachliche Sinnofferten für die weitere psychotherapeutische Verwertung zur Verfügung stehen, funktioniert logopoietische Hermeneutik in einem heilungsfördernden Sinne.

Vom textwissenschaftstheoretischen Standpunkt aus beurteilt, belegt Popper mit seiner Einsicht, dass sich «jeder nur denkbare Fall» sowohl im Sinne der Psychoanalyse nach Sigmund Freud als auch im Sinne der Individualpsychologie nach Alfred Adler deuten lässt, also keineswegs deren Un- bzw. Scheinwissenschaftlichkeit. Vielmehr liefert er damit ein Indiz der wissenschaftlichen Funktionstüchtigkeit der beiden ersten Psychotherapieschulen. So gesehen sprechen auch Poppers methodenbezogene Contra-Argumente eindeutig für die genuine Wissenschaftlichkeit der psychoanalytischen Disziplinen.

Literatur

Dilthey, W. (1970). Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. Gesammelte Werke, Bd. VII. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr/Siebeck.

Greiner, K. (2016). Wenn der Penis auf dem Kopf sitzt. Psychoanalytische Symboldeutung und Logopoietische Hermeneutik. Journal der Schweizer Charta für Psychotherapie im ASP. ISSN Electronic: 1664–9591.

Habermas, J. (1968). Erkenntnis und Interesse. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Heidegger, M. (1993). Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer.

Lorenzer, A. (1974). Die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis. Ein historisch-materialistischer Entwurf. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Popper, K. R. (1979). Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Popper, K. R. (1994). Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis. Teilband I, Vermutungen. Tübingen: Mohr.

Ricœur, P. (1969). Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Sartre, J.-P. (1991). Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Skirbekk, G. & Gilje, N. (1993). Freud und die Psychoanalyse. In G. Skirbekk, N. Gilje (Hrsg.), Geschichte der Philosophie. Eine Einführung in die europäische Philosophiegeschichte. Bd. 2 (S. 734–760). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Slunecko, T. (1996). Wissenschaftstheorie und Psychotherapie. Ein konstruktiv-realistischer Dialog. Wien: WUV.

Wittgenstein, L. (1971). Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

How to turn Popper’s philosophical baton against psychoanalysis into a flower bouquet – an epistemological essay on psychotherapy

When talking to psychoanalysts, a major uncertainty regarding the scientific nature of psychoanalytical activities again and again becomes evident. This methodological uncertainty can partly be traced back to Viennese philosopher Karl R. Popper (1902–1994) who almost 100 years ago scathingly criticized the then newly developed psychotherapeutic methods of psychoanalysis (based on S. Freud) and individual psychology (based on A. Adler) and tried to expose them as pseudoscience. The essay at hand aims at showing under which conditions and in which way Popper’s epistemological criticism of psychoanalysis and individual psychology, developed at the beginning of the 20th century, actually supports the text hermeneutic nature of the first two psychoanalytical methods today.

Key words: Karl R. Popper, Psychoanalysis, Adlerian Psychology, Philosophy of Science, Pseudoscience, Science, Text Hermeneutics, Logopoietics, Psycho Narrative Networks, Problematic Client’s Texts, Psycho Terminological Horizon and Purpose

Come trasformare il bastone di Popper in un mazzo di fiori per la psicoanalisi – un saggio di psicoterapia scientifico empirico

In colloqui personali con psicoanalisti/e di diverse provenienze diventa sempre più chiaro che rimanga come un tempo una grande incertezza riguardo al modo di fare scienza delle attività psicoanalitiche. Questa grande mancanza di chiarezza si lega non per ultimo con il filosofo viennese Karl Popper (1902–1994), che circa 100 anni fa ha criticato in modo clamoroso e con persistente efficacia nella percezione pubblica la cultura psicoanalitica (secondo S. Freud) e la psicologia individuale (secondo A. Adler), cercando di smascherare il suo carattere «scientifico». Nell’ambito di questo saggio viene spiegato entro quali condizioni e in che modo gli argomenti scientifici empirici sviluppati da Popper all’inizio del 20° secolo contro la scientificità di entrambe le prime discipline psicoanalitiche offrano oggi, all’inizio del 21° secolo, di fatto argomenti a favore della loro scientificità.

Parole chiave: Karl R. Popper, psicoanalisi, psicologia dell’individuo, teoria scientifica, pseudo-scienza, scienze naturali, scienza die testi, logopoietica ermeneutica, reti psiconarrative, testi di clienti problematici, orizzonti psicoterminologici e offerte di senso

Der Autor

Kurt Greiner, Univ.-Prof. DDr., lehrt an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien (SFU) und forscht im dortigen Fachbereich Psychotherapiewissenschaftstheorie und Therapieschulenforschungsmethodologie.

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