Weltkongress des WCP in Paris, 24.–28. Juli 2017

Peter Schulthess

Psychotherapie-Wissenschaft 7 (2) 85–86 2017

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Das World Counsil for Psychotherapy (WCP) veranstaltet alle drei Jahre einen Kongress. Dieses Jahr fand er – nach Asien, Australien und Afrika – wieder in Europa statt. Kongressort in Paris war das UNESCO-Gebäude, das sich für solche Anlässe ausgezeichnet eignet. Das übergeordnete Kongressthema lautete «Leben und Liebe im 21. Jahrhundert». Das klang auf den ersten Blick zwar etwas gar harmlos, aber passend für Paris als Stadt der Liebe, erlaubte aber doch, auch auf ganz aktuelle Problematiken wie die Verängstigung durch Terrorakte oder die Polarität von Hass und Liebe im Privaten wie im Interkulturellen einzugehen. Jedenfalls verstanden es die Präsentierenden, ein reichhaltiges Programm anzubieten an Vorträgen, Panels und Workshops. Wer auf der Suche nach Forschungsveranstaltungen, nach Einblicken in andere theoretische Konzepte oder nach Selbsterfahrungsworkshops war, kam in allen Sparten auf die Rechnung. Ca. 850 Personen nahmen teil, sodass man gut Kontakte zu neuen FachkollegInnen aus der ganzen Welt knüpfen konnte. Es fiel Gabi Rüttimann und mir auf, wie wenige KollegInnen aus der Schweiz kamen, so als würden sich die Schweizer PsychotherapeutInnen international nicht gerne zeigen und vernetzen wollen (obwohl Paris doch nur einen Katzensprung von der Schweiz weg ist). Immerhin gab es zwei Präsentationen aus den Charta-Reihen: Norbert Apter sprach über Psychodrama und Peter Schulthess stellte Resultate aus der PAPS vor unter besonderer Berücksichtigung der Ergebnisse für die Gestalttherapie.

Aus der Fülle von Angeboten kann hier nur über eine beschränkte Auswahl berichtet werden.

Unter den einleitenden Worten sei die Rede von Philipp Vranken, aktueller Präsident der European Association for Psychotherapy (EAP), hervorgehoben. Er sprach vom wachsenden Bedarf an Psychotherapie in Europa und in der Welt und hob die Themen Suizid, Depression und Migration bzw. Flüchtlingsproblematik hervor, wo Psychotherapie eine wichtige Rolle spielen könne.

Als inhaltlicher Auftakt wurde ein von Alfred Pritz geführtes Video-Interview mit Irving D. Yalom vorgespielt, das spannende Einblicke in Yaloms Leben, Denken und Wirken erlaubte.

Der erste Plenarvortrag wurde vom Genfer Psychiater Norman Sartorius gehalten, Präsident der European Psychiatrists Association (EPA). Er sprach über Psychotherapie und Mental Health und rief dazu auf, von den vielfältigen Methoden der Psychotherapie nicht nur in der eigentlichen Therapie, sondern auch in der Prävention Gebrauch zu machen. Viele Krankheitsentwicklungen und damit verbundene Behandlungskosten könnten so vermieden werden.

Omar Gelo, Salento und Wien, referierte zum Thema «Was ist Psychotherapie Wissenschaft wirklich?» Er unterschied zwischen Psychotherapie als Kunst (relational und praxisbezogen) und der Psychotherapie als Wissenschaft (technisch und theoretisch). Er präsentierte eine Analyse von 10.000 in den führenden wissenschaftlichen Zeitschriften publizierten Beiträge zur Psychotherapieforschung: 80 Prozent waren empirische Forschungsbeiträge, nur 15 Prozent qualitativ und nur gerade mal 5 Prozent theoretischer Natur. Er stellt einen klaren Mangel von qualitativen Forschungsarbeiten und theoretischer Beiträge zur wissenschaftlichen Fundierung und Erneuerung theoretischer Konzepte fest. Das läge zum einen an den Kriterien der Journals, welche offensichtlich empirische Arbeiten bevorzugen würden, wie auch am Publikationsdruck für Forscher, wolle man seine eigene Professur und Karriere nicht gefährden. Er kritisierte diese Praxis und forderte HerausgeberInnen wie Forschende dazu auf, sich vermehrt auch um qualitative und theoretische Forschungsarbeit zu bemühen.

Thomas Wenzel, Wien, sprach zur therapeutischen Arbeit mit Flüchtlingen. Er betonte die Berücksichtigung transkultureller Aspekte, Trauma-Stressfaktoren sowie die Priorität von Schutz und rechtlichen wie ethischen Herausforderungen.

Im Rahmen des Kongresses konnte der Schreibende als Vorsitzender des Science and Research Committee (SARC) der EAP gemeinsam mit Lynne Rigaud vom Wissenschaftskomitee der FF2P (französischer Dachverband für Psychotherapie) eine wissenschaftliche Kolloquiumsreihe gestalten und moderieren. Insgesamt gab es sechs Forschungspanels, vier davon wurden von den zwei obgenannten moderiert. Zwei wurden von ForscherInnengruppen aus den USA und Europa selber organisiert. An den meisten Panels wurden in Kurzreferaten spezifische Forschungsarbeiten aus verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Themen vorgetragen. Eines der Panels aber gestalteten wir anders und luden folgende Personen auf das Panel ein: Isabelle Durand (Paris, Epidemiologin für Public Health), Bruno Falissard (Paris, Spezialist für Mental Health und Ökonomie), Omar Gelo (Salento und Wien, Psychotherapieforscher), Jaques Barber (Pensylvania, USA, Psychotherapieforscher) und Denis Kivlighan (Psychotherapieforscher und Editor eines lead­ing journals). Die Idee war, die aus unterschiedlichen Forschungsgebieten kommenden WissenschaftlerInnen in eine Art Dialog zu bringen, indem wir ihnen allen die folgenden Fragen stellten: Was sind die Forschungsergebnisse in Ihrem Fachgebiet? Was für Fragen sind in Ihrem Fachgebiet trotz aller bisherigen Forschung noch nicht beantwortet? Was sind die Herausforderungen künftiger Psychotherapieforschung, um Antworten auch auf diese offenen Fragen zu erhalten? Was sind Ihre nächsten Forschungsprojekte?

Die Teilnehmenden hatten zu jeder Frage nur gerade drei bis vier Minuten Redezeit und waren gehalten, keine vorbereitete Statements zu verlesen oder gar power points zu präsentieren, sondern frei zu berichten. Diese Panel-Anlage erwies sich als sehr befruchtend und befriedigend, führte sie doch dazu, dass die Teilnehmenden aufeinander Bezug nahmen. Es gab zum Schluss auch die Möglichkeit, mit dem Publikum zu diskutieren.

Herausgearbeitet wurden unter anderem folgende Ergebnisse: Es braucht mehr qualitative und theoretische Forschung. Schön war, dass Omar Gelo dies gleich einem der führenden Editors sagen konnte, welcher das auch aufmerksam aufnahm. Der Bedarf an Psychotherapie ist ausgewiesen und Psychotherapie kann auf dem Gebiet des Mental Health eine wichtige und kostensenkende Rolle spielen. In manchen Ländern und Gebieten herrscht eine Unterversorgung, die im Public Health Sector viel Geld kostet. In der Psychotherapieforschung sollte den jeweiligen Personen der TherapeutInnen und ihren Kompetenzen zu einer Ko-Kreation des therapeutischen Prozesses gemeinsam mit dem PatientInnen mehr Beachtung geschenkt werden. Eine Reduktion auf empirische Outcomeforschung kann die relevanten Fragen, was es zu einer erfolgreichen Therapie braucht, nicht beantworten, dazu braucht es eine Untersuchung des interpersonellen Prozesses im Verlaufe einer Therapie. Kompetenzforschung sollte vorangetrieben werden: Was macht Kompetenz und Expertise aus? Wie weiss man, ob die Lehrenden über die nötige Expertise verfügen und Weiterbildungsprogramme wirklich jene Kompetenzen vermitteln, die es für erfolgreiche Therapien braucht?

Das sind Themen, die kommende Forschungsprojekte der EAP und auch der Charta anregen dürften.

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