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Editorial

Yvonne Traber und Mario Schlegel

Neue Medien – Neue Störungsbilder?

Neue Medien nehmen im Alltag immer mehr Platz ein. Internet, Handy, Computer- und Online-Spiele sind für viele Menschen nicht mehr wegzudenken. Die Nutzung dieser medialen Vielfalt birgt auch Gefahren und kann zu Störungen des menschlichen Verhaltens führen.

Die Charta-Fachtagung "Neue Medien – neue Störungsbilder? Phänomenologie, Prävention, therapeutische Ansätze" richtete vor Jahresfrist sich an Fachleute aus den Bereichen Therapie, Beratung und Pädagogik sowie an Eltern und Betroffene. Die Referentinnen und Referenten aus Forschung und Praxis befassten sich mit verschiedenen Aspekten des Gebrauchs elektronischer Medien wie Online-Sucht, Jugend-Medienschutz, Medienwirkungsforschung und Therapieformen der Internet-Sucht.

Im vorliegenden Heft werden die überarbeiteten Referate und die abschliessende Podiumsdiskussion abgedruckt.

Dominik Batthyány geht in seinem Beitrag auf die Phänomenologie der Internet-Sucht ein. Im Gegensatz zu den stoffgebundenen Abhängigkeiten, welche in den internationalen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV als psychische Störungen aufgeführt sind, wurden die so genannten Verhaltenssüchte, mit Ausnahme der (Glücks-)Spielsucht darin (noch) nicht aufgenommen. Bezüglich Einordnung und Kriterien einiger dieser Störungsbilder herrscht unter den Fachleuten Uneinigkeit. Dies gilt auch für die Internetsucht. In vielen epidemiologischen Untersuchungen ist das Phänomen beforscht worden – die Differenzierung hinsichtlich der verschiedenen Ausprägungen und Varianten ist aber trotzdem unzureichend. Dies hat Auswirkungen auf die Entwicklung zielgenauer psychotherapeutischer Interventionsmethoden.

Der Beitrag der Referentin Claudia Hengstler kann leider aus gesundheitlichen Gründen nicht publiziert werden.

Thomas Mössle greift die Erkenntnisse der Medienwirkungsforschung auf und nimmt sich, basierend auf dem aktuellen Stand der Medienwirkungsforschung, folgender Fragen an: Welche Auswirkungen hat ein quantitativ und qualitativ exzessiver Medienkonsum (Fernsehen und Computerspiele) auf Kinder und Jugendliche? Warum sind insbesondere die Schulleistungen der Jungen in den vergangenen zehn Jahren immer schlechter geworden? Hängt dies auch damit zusammen, dass sie mehr Zeit mit Computerspielen und TV verbringen? Erhöht ein derart gesteigerter Medienkonsum die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen? Besteht die Gefahr, von Computerspielen abhängig zu werden?

Franz Eidenbenz betont in seinem Beitrag, dass Online-Sucht und pathologischer Internetgebrauch zunehmend in psychotherapeutischen Praxen und Beratungsstellen als klinisch relevante Verhaltenssucht anzutreffen sind. Exzessive, unkontrollierte Nutzung korreliert mit familiären Konflikten und ist im Kern eine Beziehungs- und Kontaktstörung vor dem Hintergrund intrapsychischer Defizite. Neben praxisrelevanten Aspekten und Beispielen der Mediensucht wird vom Autor ein systemisches Phasenmodell der Behandlung vorgestellt. Das Umfeld wird dabei als Ressource genutzt, sodass die – zumeist wenig motivierten –Betroffenen bei der Konfliktbewältigung und schrittweisen Reintegration ins reale Leben unterstützt werden.

In der abschliessenden Podiumsdiskussion werden die Beiträge aus den Referaten nochmals aufgegriffen. Besprochen werden die Möglichkeiten und Chancen, die ein vernünftiger Gebrauch der neuen Technologien beinhaltet. Gleichzeitig wird vor allzu schneller Pathologisierung gewarnt. Auf der anderen Seite wird darauf hingewiesen, dass gerade auch im Sektor Computerspiele handfeste finanzielle Interessen im Spiel sind und es wird gefragt, wie man die Hersteller solcher Spiele "mit ins Boot" holen könnte. Im Fokus der Diskussion steht der Nutzen der wissenschaftlichen Forschung für die Praxis und die Frage, wo die Wissenschaftler Forschungsbedarf sehen, respektive wie diese mit der praktischen Arbeit in Schule und Beratungsstellen vernetzt werden könnte. Aus präventiver Sicht wird darauf hingewiesen, dass viele Indikatoren, welche die spätere Entwicklung eines Suchtverhaltens begünstigen, bereits schon im Kindergarten vorliegen. Eltern und PädagogInnen könnten also darauf sensibilisiert werden, dieser Entwicklung vorzubeugen.

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