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Editorial

Theodor Itten

Psychotherapiewissenschaft

Die Seelenheilkunst entwickelt sich seit über 15 Jahren in ihrer Rückbesinnung sowie theoretischen Betrachtung zunehmend zu einem rechtlich und wissenschaftlich eigenständigen Beruf mit klarem Anspruch auf eine Positionierung als Psychotherapiewissenschaft. Zuerst wurde die Psychotherapie für eine lange Zeit von HeilerInnen und PriesterInnen ausgeübt. Darin wurden diese dann von den MedizinerInnen abgelöst. Mit dem Entstehen der Psychologie, welche sich aus ihrer Beheimatung in der Philosophie verselbständigte, bekam die Psychotherapie als Heilkunst eine Schwester, die klinische Psychologie. In ihrer Profilierung gegenüber der Medizin, vor allem der Psychiatrie und Psychosomatik, strebten einige VertreterInnen der universitären Psychologie danach, dass Psychotherapie als angewandte Psychologie angesehen werde. Daraus ergab sich vorübergehend eine paradoxe Situation, da medizinisch ausgebildete Fachpersonen ohne Studium der klinischen Psychologie die psychotherapeutische Aktivität erwiesenermaßen erfolgreich ausübten. Neben medizinisch-naturwissenschaftlichen Kenntnissen (Biologie, Physik, Chemie, Ernährungswissenschaften, Pharmazie) sind Sinnfragen (Religionswissenschaften, Theologie), ethische Überlegungen (Theologie, Philosophie), ethnische Probleme (Ethnologie), Psychoedukation (Pädagogik), Erkenntnisfragen (Philosophie), Normabweichungen (Psychologie, Rechtswissenschaft) unabdingbare Wissensbereiche für die psychotherapeutische Tätigkeit. Die Psychotherapie ist auf dem Weg zu einer eigenständigen Wissenschaft als Psychotherapiewissenschaft (PTW). In diesem Wissenschaftshaus haben die Psychologie (Normierung), die Psychiatrie (Krankheitslehre), die Neurologie, die Theologie, die Philosophie, die Sozialwissenschaften und die Künste verschiedene Zimmer gemietet.

Was erwartet Sie, liebe Leserin und lieber Leser in diesem Psychotherapiewissenschaft Themen Heft?

Der Auftakt kommt aus dem Tessin, von Nicola Gianinazzi, ASP Vorstand, dessen Aufsatz „Scienza psicoterapeutica a Sud delle Alpi“ im Original und in Übersetzung erscheint. Das Modell der Wissenschaft der Psychotherapie ermöglicht ihm, über die Grundlagen der psycho-sozio-anthropologischen und mythischen kulturellen Zusammenhänge nachzudenken.

Der zweite Beitrag, von Hanspeter Lipp geschrieben, beschäftigt sich mit der Organisation des Gedächtnisses durch Einbezug eines neurobiologisches Modells zum Verständnis der unbewussten Erinnerung. Wir können annehmen, dass bei neuen Erlebnissen und deren Speicherung viele Gebiete der Gehirnrinde simultan aktiviert werden. Das Konzept vom Wiederherstellungsprozess erlaubt eine psychotherapeutische Modifikation von Erinnerungen.

Unsere Fachkolleginnen aus Dresden und Gera, Franziska Einsle und Samia Härtling, haben sich das Thema der Erforschung der Psychotherapie mit dem für sie aktuellen Stand und den daraus resultierenden Themen für die Zukunft vorgenommen. Ihr Beitrag zeigt, dass Psychotherapie (schulenübergreifend) heute als wirksame Methode gilt.

Der Berner Philosoph Thomas Kesselring schreibt in seinem Essay zur Psychotherapie zwischen Wissenschaft und Philosophie – oder: Philosophie, der Geist im Kellergewölbe der PTW – über die Prämissen, auf denen eine psychologisch psychotherapeutische Wissenschaft aufbaut, die wie in weichen Boden geschlagenen Pfähle sind, welche ein Gebäude tragen. Diese Präsentation zeigt uns allen, wie wichtig die terminologischen Unterscheidungen zwischen Psychologie und Psychotherapie sind, vor allem im Bau der eigenen psychotherapeutischen Wissenschaftlichkeit.

Die Duett-Stimme zu dieser erkenntniswissenschaftlichen Grundlage ist die von Serge K.D. Sulz mit seinem Beitrag: „Psychotherapie ist mehr als Wissenschaft - die Wissenschaft ist "nur" ihr Fundament“.

Das auf uns zukommende universitäre Direktstudium Psychotherapie, welches an verschiedenen Universitäten schon stattfindet, müsste eigentlich den Namen Studium der Psychotherapiewissenschaft haben. Klar doch, hören wir die Autorin Alexandra Koschier und ihre zwei Autoren Kollegen Anton Leitner und Christoph Pieh sagen. Ihr Beitrag, indem die Besonderheiten der Psychotherapiewissenschaft in den Fokus gerückt werden, trägt den Titel: „Psychotherapie auf dem Weg zur Akademisierung?“ Als eine Gesundheitswissenschaft, welche kurative und emanzipative Leitungen vollbringen kann, steht sie im Einfluss aktueller Forschung. Diese beeinflusst notwendigerweise die Psychotherapiewissenschaften auf ihrem Weg einer Akademisierung.

An der von Theodor Itten moderierten Hamburger Gesprächsrunde zum Thema: „Psychotherapie auf dem Weg zu einer eigenständigen Wissenschaft?“ nahmen zwei Wissenschaftliche Beiräte unserer Zeitschrift, Heinrich Berbalk und Ingo Schäfer, sowie die psychologischen Psychotherapeutinnen Evelin Gottwalz-Itten und Karin Wallenczus teil. Mit einem Kommentar eines weiteren wissenschaftlichen Beirates und PAP-S Forschungsleiters, Volker Tschuschke, zu ein paar fragenden Bemerkungen von mir aus dem reichen Fundus dieser hier versammelten Beiträge wird eine mögliche heutige Schlussfolgerung versucht. Das Ziel ist es, unseren ganzen Reichtum des Erfahrungs-Wissens, den es seit über 120 Jahren in der Psychotherapieberatung/Psychoanalyse gibt, so zu bündeln, dass den jungen Menschen, welche diesen Beruf mit Freude erlernen wollen, dies in einer neuen Art und direkten Weise mit einem Studium der Psychotherapiewissenschaft ermöglicht werden soll. Dies wird die Zukunft unseres eigenständigen wissenschaftlich basierten Berufes nicht nur sichern, sondern kreativ verändern, zum Wohle der praktischen Seelenheilkunde.

Vier Buchbesprechungen zu unserem Kernthema, das wir im eigenen Titel tragen, runden dieses Heft ab.

Viel Lesegenuss, anregende Inspiration und Gedankentänze, wünscht euch allen eure PTW Redaktion.

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