Kommentar zur Replik von Doris Lier auf das Themenheft über Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der Psychotherapie

Verena Kast, Mario Schlegel

Abstract


Es ist Doris Lier unbenommen, ihre Ansicht zum Thema Qualitätssicherung darzulegen. Ein Kommentar zu ihrer Replik drängt sich uns aber vor allem deshalb auf, weil sie erklärt, ihre Betrachtungsweise von der Psychologie C. G. Jungs abzuleiten. Sie lehnt die Möglichkeit einer Objektivierung seelischer Phänomene prinzipiell ab und vermittelt mit dem Bezug zur Psychologie von C. G. Jung den Eindruck, daß dies die Haltung der analytischen Psychologie sei. Jung war ebenso wie Freud stark naturwissenschaftlich orientiert, was sich auch daraus erklären mag, daß beide Mediziner waren. Bei der Jung‘schen Psychologie verhält es sich sogar so, daß ihre erste Hauptentdeckung durch Messen und Zählen gemacht wurde. Mit einer klassischen Anordnung aus der Experimentellen Psychologie Wilhelm Wundts, dem Assoziationsexperiment, unternahm Jung an der Psychiatrischen Universitätsklinik von Zürich unter Eugen Bleuler den Versuch, die Schizophrenie zu erforschen (damals hieß diese Krankheit noch Dementia praecox). Im Verlaufe einer Reihe von Untersuchungen, bei denen auch Gesunde (als Vergleichsgruppe) einbezogen wurden, stieß er auf die Existenz „emotionsgeladener Vorstellungskomplexe" (so lautete die erste Erwähnung dieses Phänomens in der Literatur), die einen reibungslosen Assoziationsablauf störten. Damit hatte er einen experimentellen Nachweis für die Richtigkeit der Anwendung der freien Assoziation bei der Freud‘schen Methode geliefert. Der Begriff „Komplex" wurde von Freud und seiner Schule in Wien in der Folge auch begeistert aufgenommen. Dies ist ein Beispiel, wie durch eine teilweise Objektivierung seelischer Phänomene die Wissenschaft der Tiefenpsychologie vorangetrieben werden konnte und ein befruchtender wissenschaftlicher Austausch stattgefunden hat.

Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn PsychotherapeutInnen Mühe haben, naturwissenschaftliche Ansätze in der Psychotherapie zu verstehen (vor allem, wenn sie aus geisteswissenschaftlichen Quellberufen stammen) oder Bedenken bezüglich humanwissenschaftlicher Instrumentarien haben. In allen Schulen gibt es unterschiedliche Gruppierungen, die eine möchte die sog. „reine" Lehre erhalten, die es zwar nie gegeben hat. Diese Gruppierung geht oft soweit, daß sie keine Leistungen von Krankenkassen beanspruchen will und Psychotherapie als eine Art Kunst sieht. Eine zweite Gruppierung verfällt in eine „Identifikation mit dem Aggressor" und ist bereit, Untersuchungsinstrumente für die Psychotherapie zu akzeptieren, die den therapeutischen Prozeß massiv stören.

Ein dritter Weg besteht darin, daß die therapeutischen Praktikerlnnen an der Erarbeitung einer adäquaten Psychotherapieforschung und an der Definition von Qualität in der Psychotherapie mitwirken. In der Schweiz laufen zur Zeit große Anstrengungen, die Praktikerlnnen für diesen Diskurs zu mobilisieren und ihnen klar zu machen, daß sie in ihrem Sinn wirksam mitbestimmen können. Von hier sind auch konkrete Vorschläge zu erwarten. So könnte durchaus ein Konsens darüber zustande kommen, daß ein qualitativ guter psychotherapeutischer Prozeß zu einer größeren Autonomie führen soll. In diesem Sinn steht Qualitätssicherung im Dienste des Individuums und dient nicht der Gleichmacherei, wie dies von Lier befürchtet wird. Die in der Schweiz vom Gesetz verlangte Qualitätssicherung kann durchaus eine inhaltliche Zusammenarbeit zwischen den Schulen in Gangbringen, was für alle eine Bereicherung darstellen kann. Es geht heute in der Psychotherapie auch darum, die alten Spaltungen zu überwinden und einen gemeinsamen Fundus der wissenschaftlichen Psychotherapie zu erarbeiten. Auch hier geht es nicht um Gleichmacherei, sondern um den Erhalt der spezifischen Ansätze der einzelnen Schulen. Dies ist deshalb wichtig, weil verschiedene Menschen unterschiedliche Zugänge zu ihrer Psyche haben.

Doris Lier leitet die Unmöglichkeit einer Objektivierung seelischer Phänomene aus einer Auffassung über die „Psychologie" ab, welche vom deutschen Analytiker Wolfgang Giegerich stammt. Im wesentlichen geht es dabei darum, daß das eigentliche Interesse der Psychologie" dem archetypischen Seelenhintergrund als der wahren Ebene des Menschenlebens, nicht jenem Vordergründigen des Erlebens, Strebens, Begehrens und Meinens" gilt (Zitat nach Lier). Damit definiert er die Psychologie neu in seinem Sinne, behauptet die Wahrheit zu kennen und interessiert sich nicht für den konkreten einzelnen Menschen in seinem Erleben. Nach herkömmlicher Auffassung beschäftigt sich die Psychologie gerade mit dem Erleben des Menschen in all seinen Aspekten. Im Sinne der Giegerich‘schen Definition ist die Objektivierung seelischer Vorgänge weder denk-noch wünschbar, da sie den Anspruch erhebt, sich mit dem eigentlichen Seinsgrund zu beschäftigen. Jung selbst stellt die Psychologie als Wissenschaft auch in Frage, aber auf dem Hintergrund einer selbstkritisch aufgeklärten Haltung, da die Psychologie als Wissenschaft ihr Objekt nicht außerhalb des Psychologie treibenden Subjektes hat. Die Gemeinsamkeit mit der Jung‘chen Psychologie besteht in einer teilweise gleichsinnigen Verwendung des Begriffes des Archetypus. Die Auffassung der „Psychologie" im Giegerich‘schen Sinn wird in jungianischen Kreisen denn auch mehrheitlich abgelehnt.

Zu der Gesellschaftskritik von Doris Lier möchten wir keinen Kommentar machen, sondern einfach feststellen, daß sie mit der analytischen Psychologie von C. G. Jung nichts zu tun hat, und daß nicht einzusehen ist, warum in einer wissenschaftlichen Zeitschrift diesem Thema als reine Polemik über Seiten hinweg Platz eingeräumt worden ist. Die Metapher der Anorexie für wirtschaftliche Entwicklungen mag für einen Wirtschaftsfachmann in einer Wirtschaftszeitung angebracht sein, für eine Klinikerin in einer psychotherapeutischen Zeitschrift ist sie zumindest fragwürdig.


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